Wenn der Weihnachtsmann nach Japan kommt:
Alle Jahre wieder feiern wir Deutschen gen Ende des Jahres das Weihnachtsfest, entsprungen aus unseren christlich-religiösen Wurzeln. Aber wie sieht es eigentlich in Japan aus, wo gerade einmal 1-2% der Bevölkerung christlichen Glaubens sind?

Das Weihnachten auch in Japan eine gewisse Rolle spielt, ist den meisten Manga und Anime-Fans unter uns vermutlich bewusst. Gerade im Slice of Life bzw. Romance-Genre gibt es stets eine Reihe von ganz bestimmten Fixpunkten, an denen sich die Geschichte entlang hangelt. Valentinstag, White Day, Kirschblüte, Regenzeit, Sommerferien (auch genannt Beach-Episode), Schulfest und eben auch Weihnachten. Zumeist wird in Anime-Serien der Heiligabend damit zugebracht, dass Oberschüler eine Weihnachtsfeier organisieren oder ein Hauptcharakter versucht ein Date mit dem oder der Geliebten zu ergattern.
toradorasanta1Dementsprechend hat sich bei uns das Bild eingeprägt, dass Weihnachten in Japan – im Gegensatz zu uns – nicht in erster Linie ein Familienfest ist, sondern eine Zeit, die man mit dem Partner, mit dem oder mit der Angehimmelten zusammen verbringen möchte. Eine durchaus nachvollziehbare Vorstellung, findet das wichtigste Familienfest in Japan – das Neujahrsfest – nur wenige Tage später statt, bei welchem die allermeisten Japaner in ihre angestammte Heimat zurückreisen und mit der Familie das Neujahrsfest gemeinsam begehen. Von der familiären Bedeutung her entspräche somit das japanische Neujahrsfest eher unserer Vorstellung von Weihnachten, während die japanische Bedeutung von Weihnachten eher unserer Vorstellung des Valentinstags entspräche.

 

Untersuchungen zum „Weihnachtsverhalten“ von Japanern 2015:
Stellt dies aber wirklich die Realität dar? Man findet auf japanischen Seiten eine Hand voll Umfragen und Untersuchungen dazu, wie die Menschen in Japan Heiligabend tatsächlich verbringen oder verbringen wollen. So verleben laut dieser Online-Umfrage unter 1.000 Menschen im Alter von 10-59 Jahren, etwa 52% den Heiligabend im Kreis der Familie. Ferner sind es 16% mit dem Partner, 14% die erst am eigentlichen Tag kurzfristig entscheiden, 8% mit Freunden, 5% alleine, 2% mit Arbeitskollegen und 1% zusammen mit dem Haustier.
Ganz anders allerdings lautet das Ergebnis bei dieser Untersuchung hier, wonach 600 Männer und Frauen zwischen 20 und 39 zu 67,7% Weihnachten alleine verbringen werden. Mit dem Liebespartner sind es immerhin 21,5%, mit Freunden 7,3%, mit der Familie nur 2,7% und 0,8% mit dem gewünschten, noch zu ergatterndem Partner. Dieselben 600 antworteten auf die Frage, was denn ihre Idealvorstellung von Weihnachten sei, zu 62,6% die Weihnachtszeit mit dem (angestrebten) Partner zu verbringen, wobei davon jeweils nochmal die Hälfte Weihnachten daheim verbringen möchte, die andere Hälfte außerhalb der eigenen vier Wände bei einem Date. Daneben befürworten 22,7% eine gemeinsame Zeit mit der Familie und die verbleibenden 14,7% fallen unter sonstige Antworten. Je nach Gruppierung der Antwortenden und deren Alter ergeben sich bei verschiedenen Umfragen auch zum Teil, wie in diesem Beispiel, sehr unterschiedliche Ergebnisse.

Zusammengefasst scheint die gemeinsame Zeit mit dem Partner tatsächlich ein weitverbreitetes Ideal von Weihnachten in Japan zu sein, doch während der Recherchen hat es mich erstaunt, dass es immer mehr Japaner zu geben scheint, welche Weihnachten tatsächlich als Fest der Familie wahrnehmen. So bekam ich auch bei japanischen Austauschstudenten in Leipzig auf Nachfrage von zwei Japanerinnen zu hören, dass sie im Regelfall Weihnachten in der Familie verbrachten. Andere verleben ihn oft alleine oder feiern zusammen mit Freunden oder machen überhaupt nichts besonderes, da es ein Tag wie jeder andere sei.

Ein nachvollziehbarer Gedanke, wenn man bedenkt, dass auch Schüler und Studenten in Japan je nachdem, auf welche Wochentage Weihnachten fällt, noch bis einschließlich 27. oder 28. Dezember Unterricht haben können, bevor die Neujahrsferien beginnen. Dummerweise ist der japanische Kaiser, dessen Geburtstag als nationaler Feiertag begannen wird, einen Tag vor dem Christkind am 23.12. geboren, sodass die meisten Japaner an jenem Tag zwar frei haben, vom 24.-26. Dezember gibt es aber offiziell keine Feiertage. So musste auch ich zu allem Schmerze während meines Auslandsjahres an einer japanischen Universität am 24. und 25. Dezember 2013 noch am Unterricht teilnehmen.

 

Das Geschäft mit Weihnachten:
Weihnachten erlebte bereits seit ca. 1900 eine langsam ansteigende Popularität in Japan, aber erst einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die heutige Gegenwart wurde es auch im nicht-christlichen Japan ein immer größeres Event. Das liegt weniger in der Spiritualität und der eigentlichen Botschaft von Weihnachten begründet, als viel eher darin, dass es für viele Unternehmen in der Wirtschaft ein lohnendes Geschäft darstellt. Die wenigsten Japaner wissen um die zugrunde liegende Weihnachtsgeschichte hinter dem Fest, sodass man auch kaum Illustrationen oder Hinweise auf Jesus Christus bei Weihnachtsevents in Japan findet. Viel eher im Vordergrund steht der Weihnachtsmann, auf Japanisch サンタクロース (santa kurôsu) oder auch kurz サンタさosakaweihnachtsmarktん (santa-san = Herr Santa) genannt, welcher einem Geschenke bringt, wenn man in diesem Jahr brav gewesen war. Daher wird auch Santa Claus als amerikanisches Importprodukt mit größtmöglichem Gewinnstreben vermarktet.

Selbst Weihnachtsmärkte haben es nach Japan geschafft. So gibt es in einigen Stadtteilen von Tokio Märkte zu finden. Ferner kann man sich in vielen japanischen Städten im ganzen Land beeindruckende  Weihnachts-Illuminationen anschauen. In Osaka gibt es sogar jedes Jahr einen sogenannten „deutschen Weihnachtsmarkt“, der sich einer durchaus beachtlichen Beliebtheit erfreuen kann.

 

Das können sich auch nur Japaner ausdenken:
Japan wäre aber nicht Japan, wenn es nicht auch ein paar verrückte Aktionen gäbe, welche mit Weihnachten in Verbindung stehen. So hat bereits letztes Jahr ein Restaurant in Hachioji (Stadt am westlichen Rand von Tokio) für Aufmerksamkeit gesorgt, als es am Heiligabend ein Verbot für Pärchen ausgesprochen hatte, da der Anblick von glücklichen Pärchen am Heiligabend eine zu große psychische Belastung für die Single-Mitarbeiter des Restaurants darstellen könnte. Auch dieses Jahr sprach das Restaurant erneut dasselbe Verbot aus.pärchenverbot Die Formulierung des auch auf dem Bild zu sehenden Verbotsschildes lautet auf Deutsch ungefähr:

„Wir bedanken uns im höchsten Maße dafür, dass wir im letzten Jahr zum Gesprächsstoff geworden waren.

Auch dieses Jahr gibt es ein Unwohlseingefühl unter unseren Mitarbeitern, weswegen wir uns zum Wohle ihrer Gesundheit herausnehmen, am 24.12. (Donnerstag) Pärchen das Betreten des Ladens zu verweigern.“

Das Gefühl der Einsamkeit am Heiligabend muss ein durchaus weit verbreitetes Phänomen sein, wie zum einen obige Umfrage-Ergebnisse zeigen, aber auch der Umstand, dass es mittlerweile für „Alleinsein an Weihnachten“ im Japanischen ein eigenes Wort gibt: クリぼっち (kuri-bocchi), welches sich zusammensetzt aus クリスマス (kurisumasu = Weihnachten) und ひとりぼっち (hitori-bocchi = einsam, mutterseelenallein).

Dass man in Japan Weihnachten nicht mit seinem Partner verbringen kann, kann durchaus auch an großer räumlicher Entfernung liegen. Doch es gab dieses Jahr in Japan ein Restaurant, welches für Partner, die sich getrennt in Osaka und Tokio aufhielten, ein ganz besonderes Angebot machte: SYNC Dinner. Das Pärchen kann sich bei dem Laden in ihrer Stadt jeweils ein Zimmer mieten, in welchem sie über einen großen Bildschirm miteinander verbunden sind. Das soll eine Illusion erzeugen, so als würden sie sich bei einem romantischen Candlelight-Dinner direkt gegenübersitzen. Preislich betrug das Angebot für beide zusammen 16.000 Yen (8.000 pro Person), umgerechnet derzeit also etwa 123 Euro für zwei Stunden – Essen und Getränke inklusive. Beim Anschauen des Werbeclips für das Angebot kam mir auf jeden Fall mal wieder der Gedanke: Auf so etwas können nur Japaner kommen.

Es würde mich sehr freuen, wenn euch dieser Artikel über die Bedeutung von Weihnachten in Japan gefallen hat. Ich hoffe, dass ihr nicht gezwungen seid alleine die Feiertage zu verbringen, sondern dass ihr im Umfeld eurer Familie, eurer Freunde, eurer Liebsten seid. Und auch jenen, die eventuell an Weihnachten arbeiten müssen, wünsche ich auch neben all dem Stress ein paar ruhige und erholsame Stunden. In diesem Sinne:

Frohe Weihnachten!

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1 Kommentar

  1. Cooler Bericht, sehr interresant und Typisch Japan was die sich wiede „merkwürdiges“einfallen lassen, aber eigentlich meinen sie es doch bestimmt nur gut ^^

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