Drei Jahre ist es her, seit uns Regisseur Makoto Shinkai mit dem Film The Garden of Words (orig.: Kotonoha no Niwa) beglückt hatte, bis nun am 26. August diesen Jahres sein neuester Film in die japanischen Kinos kam: Kimi no Na wa (zu dt.: Dein Name). Auch in diesem Film greift er das für ihn typischen Thema mit problematischen (Liebes-)Beziehungen zwischen Menschen, entweder aufgrund räumlicher oder emotionaler Ferne, erneut wieder auf und vermischt es mit kleinen übernatürlichen Elementen.

Story:

kiminonaha-coverDie beiden Oberschüler Mitsuha und Taki tauschen eines Tages unvermittelt die Körper miteinander, obwohl sie hunderte Kilometer auseinander wohnen und nie etwas miteinander zu tun hatten. Anfangs halten sie ihre Erfahrungen noch für einen sehr realistisch wirkenden Traum, aber aufgrund hinterlassener Spuren und die Reaktionen ihres Umfeldes an den folgenden Tagen, dämmert es den beiden allmählich: Ihr Körpertausch ist definitiv kein Traum. So kommen sich langsam auch Mitsuha und Taki näher, die ohne dieses Phänomen vermutlich sonst nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Doch noch einem gewissen Ereignis hört die Erfahrung des Körpertausches plötzlich auf und mit dem Verrinnen der Zeit stellt sich die Frage: War es vielleicht doch nur ein nach und nach in Vergessenheit geratener Traum?

Geschichten dieser Art mit dem Tauschen von Körpern und dem Eintauchen in das andere Geschlecht sind nicht wirklich etwas Neues. Dennoch bieten sie oft viel Potenzial, um die von dem Phänomen betroffenen Figuren näher zu erforschen, gleichzeitig aber auch Fantasy-Liebhaber mit dem Rätsel um die Ursachen und Hintergründe der übernatürlichen Ereignisse bei Stange zu halten. Kimi no Na wa bleibt dabei zumeist sehr dezent mit Hinweisen auf die Wirkmechanismen des Körpertausches, auch in der zweiten Hälfte des Filmes. Die Grundlage des Films birgt auch gerade zu in sich, dass es hier und da zu sogenannten „Zufallsereignissen“ kommt, welche manchmal gezwungen eingeschoben wirken, nur um die Handlung vorantreiben zu können. Da dies aber auch ein Fundament der Verbindung zwischen unseren beiden Hauptfiguren ist, kann man meistens getrost darüber hinwegschauen. Etwas schwieriger wird das beim Pacing, welches zwischen rasend schnell vergehenden Wochen und fokussierten Einzelereignissen bisweilen ein bisschen zu krass hin- und herspringt, wodurch beim Zusehen leider das Gefühl für die erzählte Zeit ein wenig verloren geht.

Generell erzählt Makoto Shinkai in diesem Film eine insofern packende Story, als das man stets wissen möchte, wie die Verbindung von Mitsuha und Taki am Ende abgerundet wird. Zumindest eines kann ich dabei spoilerfrei behaupten: So eine Gänsehaut wie am Ende dieses Werkes hatte ich längere Zeit bei einem Anime-Film nicht mehr.

 

Charaktere:

Mitsuha Miyamizu ist ein Mädchen, welches das Leben auf dem Lande ordentlich satt hat. Man kann nichts unternehmen, ihr Vater kümmert sich nur um die Lokalpolitik, aber nicht um die Familie, und genau wegen diesem Vater wird sie auch von einigen ihrer Mitschüler aufgezogen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als in die Riesenmetropole Tokio zu gehen und dort ein gänzlich anderes Leben aufzubauen. Als sie in Takis Körper in der Stadt aufwacht und tatsächlich in das Leben vor Ort eintauchen kann, ist sie vollends begeistert.
Taki Tachibana ist ein typischer Schüler an einer Tokioter Oberschule. Er schäkert mit seinen beiden besten Kumpels, geht einem Nebenjob in einem Restaurant nach und verlebt ansonsten ein ganz normales Leben. Daher kommt es für ihn umso überraschender, als er plötzlich an einem unbekannten Ort in einem unbekannten Körper aufwacht und natürlich als erstes das tut, was jeder Junge in der Pubertät im Körper eines Mädchen machen würde: erst einmal den Oberkörper massieren.

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Im Prinzip sind in diesem Film tatsächlich nur die beiden Hauptprotagonisten Mitsuha und Taki von Bedeutung. Zwar gibt es eine Menge an Nebencharakteren, wie den jeweils typischen 2-3 besten Freunden der Protagonisten, ein Love Interest in der Stadt für Taki, weitere Familienmitglieder auf Seiten von Mitsuha (darunter die stereotypische allwissend wirkende Oma) und kleinere Nebenrollen, die nicht viel zur Story-Entwicklung beitragen.

Und eben all diese Charaktere, die Hauptfiguren eingeschlossen, stellen vermutlich die größte Schwäche von Kimi no Na wa dar. In den ersten 30 Minuten des Filmes erfahren wir im Schnelldurchlauf, was Mitsuha und Taki ausmacht, in welcher Beziehung sie zu den Menschen in ihrer Umgebung stehen und welche Wünsche sie haben. Aber diese Zeit reicht meines Erachtens nach nicht aus. Nach dem ersten Drittel des Filmes wissen wir immer noch viel zu wenig über die beiden, als das wir wirklich mit ihnen mitfiebern könnten. Besonders gravierend trifft das auf Taki zu, von dessen Familie wir im Gegensatz zu Mitsuha rein gar nichts erfahren, nicht einmal wissen, welche Hobbys oder Interessen er hat, wie er aufgewachsen ist und zu dem Jugendlichen wurde, der im Film gezeigt wird. Besser ergeht es da Mitsuha, welche allerdings in einem in Anime häufig vorkommenden „Vater kümmert sich nur um die Arbeit und lässt die Familie im Stich“-Setting gefangen ist, welches bis zum Filmende keine wirkliche Auflösung findet. Der Film krankt also daran, dass die Hauptprotagonisten im ersten Drittel gerade genug interessant konstruiert werden, dass es den Zuschauer interessiert, was im weiteren Verlauf mit den beiden passiert. Durch dieses anfänglich fehlende character-building mangelt es auch merklich am world-building, also das Platzieren der Charaktere in ihrem jeweils städtischen und ländlichen Umfeld sowie den dort lebenden Menschen, welche aufgrund fehlender Screentime noch viel eindimensionaler wirken und auch bleiben als die beiden Hauptfiguren.
Das Kimi no Na wa dennoch ein unglaublich unterhaltender Film ist, liegt daher weder an der Story und an den Charakteren, sondern in anderen Aspekten des Filmes begründet.

 

Zeichnungen & Animationen:

Wie auch alle anderen Produktionen von CoMix Wave Films mit Makoto Shinkai als Regisseur, ist Kimi no Na wa eine wahre Augenweide und beeindruckt mit detaillierten, farbgewaltigen und satten Hintergründen, sowie atemberaubenden, flüssigen Animationen. Die Vermischung von CGI-Animationen mit den per Hand gezeichneten ist exzellent gelungen und zeigt, dass CGI in Anime kein hässlicher, kantiger Texturenmatsch sein muss. Einige wahnsinnig gut anzusehende Kamerafahrten durch die Schauplätze des Filmes, sowie z.B. das komplette Animieren vom Schreiben eines Kanji (in der japanischen Sprache gebrauchtes, chinesisches Schriftzeichen) an der Schultafel durch die Lehrerin, sind einige der Highlights im Film, bei denen man über den Detailgrad nur staunen kann. Dagegen etwas am Detailreichtum gespart wurde bei den Figuren selbst, welche vom Zeichenstil her nicht mehr als Anime-Standardqualität bieten.

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In einigen wenigen Szenen sind auch leichte fps-Einbrüche zu sehen gewesen, sowie auffallendere Detailarmut und nicht abgepasste Lippensynchronität in einigen Dialogszenen zwischen Charakteren. Das sind allerdings schon Kritikpunkte auf einem sehr hohem Gesamtniveau des Filmes. Generell schaffen es die Bilder und Animationen mehr noch als die Charaktere und Story, dass man als Zuschauer in die Welt von Mitsuha und Taki hineingezogen wird und das ist eine zweifellos beachtliche Leistung.

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Sound:

Nun kommen wir zum meines Erachtens nach radwimpsbesten Teil des Filmes, der zusammen mit den beeindrucken Visuals dafür sorgt, dass dieser Film trotz Schwächen bei Story und Charakteren so unterhaltsam ist: der musikalischen Untermalung. Schon bei seinen vergangenen Filmen hat Regisseur Makoto Shinkai ein Händchen für die Musik gehabt. So zählt der Soundtrack von 5 Centimeters Per Second zu meinen Lieblings-Anime-OSTs. Für Kimi no Na wa hat er ganz bewusst die japanische Rockband Radwimps gefragt, ob sie bereit wären, Titel für den Film zu stellen, was sie letztendlich bejahten. Zusammen mit den weiteren Hintergrundtracks unter der Leitung von Yō Yamada, liegt hier ein zu jedem Moment passendes Gesamtkunstwerk an Musik vor. Viele potenzielle Zuschauer und Kritiker hatten Sorge, ob die rockige Musik von den Radwimps zu den meist melancholischen Themen in Shinkais Filmen passen würde. Diese Sorge war auf jeden Fall unbegründet und jene Szenen, in denen ihre Songs respektive verwendet wurden, zählen zu meinen favorisierten. Besonders hervorgehoben seien dabei die Tracks „Zenzenzense“, „Supākuru“, „Yume Tōrō“ und ganz besonders „Nandemonaiya“.
Ihr gleichzeitig zum japanischen Kinostart veröffentlichtes, dem Film gleichnamiges Album, ist für alle Fans vom OST ein Muss-Kauf und auch ich werde es mir definitiv zulegen.

 

Fazit & Bewertung:

Wäre es nicht für die umwerfenden Visuals und den mitreißenden Soundtrack, wäre bei Kimi no Na wa offen gesagt nur ein mittelmäßiger bis stellenweise guter Film bei herausgekommen. Im Normalfall sollten es gerade die Story und Charaktere sein, welche einen Anime tragen, aber sie bilden in diesem Film zumindest ein ausreichend stabiles Fundament, um zusammen mit dem grafischen Augenschmaus und der ohrgastischen Musik einen sehr unterhaltsamen Film hervorzuzaubern.

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Daher bleibt zu hoffen, dass sich, wie schon bei den anderen Filmen aus der Hand Makoto Shinkais, VIZ Media Switzerland bzw. Kazé die Rechte an diesem Werk sichern und es im deutschsprachigen Raum veröffentlichen. Und das am besten mit dem Soundtrack zusammen in einer Limited oder Special Edition! Die Wahrscheinlichkeit dafür dürfte groß sein, da Kimi no Na wa in Japan Summen eingespielt hat, welche bislang nur Ghibli- bzw. Hayao Miyazaki-Filme einspielen konnten (vgl. diesen Artikel von ANN). Sobald es tatsächlich zu einer offiziellen Lizenzierung kommen sollte, lassen wir euch das natürlich schnellstmöglich wissen.

Bewertung

8.0 Sehr gut
  • Story 7
  • Charaktere 5
  • Visuals 9
  • Sound 10
  • Enjoyment 9
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